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Leider mit etwas Verspätung ...

... aber autWorker wünscht allen Lesern frohe Pfingsttage (gehabt zu haben). :)
 

Welt-Autismustag in Braunschweig

Zum diesjährigen Welt-Autismustag fand in Braunschweig eine von den Autismusambulanzen Wolfenbüttel, Braunschweig und Wolfsburg organisierte Tagung statt, die vom Geist her offenbar dem Leipziger Welt-Autismustag, über den ich hier geschrieben habe, sehr ähnlich war. Auch hier kamen vorranging Autisten zu Wort, wurde eher mit ihnen als über sie gesprochen. Hier ein lesenswerter Bericht dazu.
 

LunA - Leipzig und Autismus

LunA – das klingt romantisch-verträumt, passend zum liebevoll gezeichneten Logo, das vage an die Himmelsscheibe von Nebra erinnert. Tatsächlich bezieht sich die Abkürzung auf einen Ort, der gar nicht so weit von Nebra entfernt liegt - sie steht für “Leipzig und Autismus”. Als gemeinsames Projekt der Leipziger Asperger-Selbsthilfegruppe und dem Elternforum autisten-kinder.com sowie dem Regionalverband von Autismus Deutschland e. V., definiert LunA sich als Plattform für den Austausch und die Vernetzung von Autisten, den Eltern autistischer Kinder, Fachleuten sowie interessierten Nichtautisten in Leipzig und der umliegenden Region. Anlässlich des Weltautismustages (wenn auch mit leichter Verspätung, da dieser, der 2. April, in diesem Jahr direkt auf den Dienstag nach Ostern fiel) fand am 6. April auf dem MedienCampus Villa Ida die erste größere Veranstaltung im Rahmen von LunA statt: der 1. Leipziger Autismus-Tag.

Dem Weltautismustag, 2008 von der UNO auf Initiative großer (in erster Linie amerikanischer) Organisationen wie Autism Speaks ins Leben gerufen, steht autWorker ebenso wie etliche andere von Autisten selbst getragene Projekte in Deutschland und anderswo, äußerst ambivalent gegenüber Wie in der englische Originalbezeichnung World Autism Awareness Day bereits andeutungsweise anklingt, war sein ursprünglichliches Ziel, die gesellschaftliche “awareness” über Autismus als “Epidemie” zu erhöhen und intensivere Forschungsaktivitäten zur seiner “Bekämpfung” und “Heilung” propagieren. Obwohl viele erwachsene Autisten eine solche Herangehensweise verständlicherweise ablehnen, ist jedoch schon angesichts der Bekanntheit des Tages und der Medienpräsenz von Autismus gerade um den 2. April herum eine “Aneignung” des Tages nach Auffassung von autWorker sinnvoller als eine Blockade (siehe auch mein Beitrag zum Weltautismustag 2012). Im Gegenteil, von einer pragmatischen, konstruktiven Kooperation zwischen Autisten, Eltern und Fachleuten können alle Seiten profitieren, und der Weltautismustag bieten einen idealen Anlass dazu.

Die Tagung in Leipzig war ein wunderbares Beipiel für eine solche gelungene Kooperation. Zwar wurden sehr unterschiedliche Stimmen gehört, doch innerhalb des vielseitigen Programmes lag ein Hauptfokus auf der Sicht von Autisten selbst. “Nichts über uns ohne uns” hätte gut das Motto des Tages sein können. Auch das Format war sehr autistenfreundlich – zwischen den Vorträgen gab es Pausen, nach jedem Vortrag war reichlich Zeit für Fragen und Diskussionen eingeplant. So standen weder die Referenten noch das Publikum unter Zeitdruck. Schon die Moderation lag in “autistischen Händen”: nachdem der ursprünglich eingeplante Moderator Paul Kötz wegen Krankheit kurzfristig absagen musste, wurde diese Aufgabe spontan von Carsten Donath aus Potsdam übernommen. Der erfahrene Referent, selbst Asperger-Autist, studierter Lehrer und seit Jahren als Autismus- und AD(H)S-Coach sowie Legasthenie- und Dyskalkulie-Therapeut tätig, führte das Publikum nicht nur souverän und unterhaltsam durch den Tag, sondern hielt auch den Abschlussvortrag, nachdem die dafür vorgesehene Referentin ebenfalls nicht dabei sein konnte.

Nach Kaffee und Begrüßung wurde das Symposium mit einem Vortrag von Katja Kötz aus Leipzig eröffnet, Mutter von Paul Kötz, selbst “Aspie” und seit langem in der Selbsthilfe sowie als Referentin zum Thema Autismus aktiv. Wissenschaftlich fundiert und zugleich sehr persönlich stellte sie ausführlich die Wahrnehmung und die “Innensicht” autistischer Menschen vor. Dabei kombinierte sie eine realistische Darstellung der Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Autisten und Nichtautisten mit einem selbstironischen Sinn für die Situationskomik, die sich aus manchen Missverständnissen ergibt. Sie zeigte überzeugend, wie sich mit ein bisschen Verständnis und Humor sowohl innerhalb der Familie wie auch im Beruf und insgesamt in der Gesellschaft die meisten Konflikte leicht vermeiden lassen.

Der zweite Vortrag, gehalten von der Sinologin und Sprachdozentin Anne Lehmann aus Leipzig, zeigte aus Elternsicht die Hürden, mit denen Familien bei der Beantragung von Hilfen für autistische Kinder konfrontriert werden. Mit zugleich beeindruckend und erschreckend komplizierten Schaubildern illustrierte die Mutter eines zwölfjährigen Asperger-Autisten den Behördendschungel, das Chaos von Zuständigkeiten, das viele Familien beim Versuch, Hilfe zu erhalten, scheitern lässt. Dank ihrer ausführlichen Darstellung der Eigeninitiative und Phantasie, durch die sich doch immer wieder individuelle Wege finden, endete ihr Beitrag dennoch mit einer optimistischen Note.

Zum Abschluss des Vormittagsprogramms stellte die Heilpraktikerin Claudia Eckardt aus Leipzig alternative Ernährungskonzepte vor. Auch wenn es meines Wissens nach wissenschaftlich bisher keine gesicherten Nachweise dafür gibt, berichten viele Eltern autistischer Kinder, aber auch etliche erwachsene Autisten, dass ihre Kinder bzw. sie selbst von einer Ernährungsumstellung profitiert hätten. Besonders häufig als hilfreich empfunden wird ein weitgeheneder Verzicht auf gluten- und caseinhaltige Lebensmittel (also auf Weißmehlprodukte und viele Milchprodukte), ein Thema, auf das auch Claudia Eckardt ausführlich einging.

Passend zum Vortrag über gesunde Ernährung wurde in der Mittagspause ein sehr schmackhaftes, reichhaltiges Buffet angeboten, vor Ort zubereitet und mit einer großen Auswahl an frischem Obst und Gemüse. Sehr aspiekompatibel war das große Angebot an einzeln zubereiteten Gemüsesorten, Fleisch und Salat, die man sich individuell zusammenstellen konnte. Die Mittagspause bot den Besuchern auch Gelegenheit, sich die zahlreichen Stände der parallel stattfindenden Infobörse im Foyer des MedienCampus anzusehen, ohne einen Vortrag zu verpassen. Neben mehreren lokalen und überregionalen Autismus-Initiativen und -Organisationen, sowohl von Eltern wie von Autisten getragen, waren auch Berufsbildungswerke, Verlage sowie Anbieter von therapeutischen Produkten für autistische Kinder vertreten. Sehr nützlich und informativ waren auch die Stände von Vereinen, die sich mit neurologischen “Andersartigkeiten”, die häufig gemeinsam mit Autismus auftreten, befassen, besonders mit AD(H)S und Hochbegabung. Natürlich waren auch autWorker und autSocial mit eigenem Stand dabei, stießen bei vielen Besuchern auf großes Interesse und machten neugierig auf die diesjährigen AutieCamps auf Usedom und in Schweden. Mehrere junge Autisten nutzten auch die Gelegenheit, am Nachmittag das “Markenzeichen” von autWorker, den beliebten Workshop Autistische Fähigkeiten, kennen zu lernen, der in Kombination mit einem Kinea-Workshop zur Verbesserung der Körperwahrnehmung angeboten wurde.

Da ich während es Fähigkeiten-workshops den autWorker-Stand betreute, verpasste ich den ersten Vortrag des Nachmittags. Johannes W. Drischel aus Hannover, langjähriger Kooperationspartner von autWorker, stellte das von das von ihm selbst entwickelte Konzept emoflex vor, das autistische und hochsensible Menschen bei der Stressbewältigung unterstützt. Zum Glück hatte ich ihn bereits zuvor als Referenten erlebt. Als Asperger-Autist kennt Drischel sowohl die Schwierigkeiten, denen Autisten aufgrund ihrer Reizfilterschwäche im Alltag häufig ausgesetzt sind, wie auch die Stärken autistischer Wahrnehmung aus erster Hand. emoflex nutzt gezielt das visuelle Vorstellungsvermögen vieler Autisten, um ihnen zu helfen, in reizintensiven Situationen die Kontrolle zu behalten.

Dank Teamwork am autWorker-Stand war ich bei den folgenden Vorträgen wieder dabei. Sabine Frank, AD(H)S-Trainerin und Coach aus Osnabrück, sprach ein wichtiges Thema an, dem häufig noch zu wenig Beachtung geschenkt wird: die komplexen Zusammenhänge zwischen Autismus, AD(H)S, Hochsensibilität und Hochbegabung. Nicht nur treten all diese neurologischen “Andersartigkeiten” häufig gemeinsam auf, es überschneiden sich auch viele der Symptome. Sabine Frank illustrierte die Ambivalenz vieler typischer Eigenschaften, die je nach Kontext und Betrachtungsweise entweder als Defizit oder als Stärke erscheinen können. Auch wenn die Probleme, die besonders Autismus und AD(H)S häufig mit sich bringen, nicht ausgeblendet werden sollten, war ihr Vortrag ein Plädoyer für eine nichtpathologische Betrachtungsweise und eine Konzentration auf die Ressourcen.

Nach einer Kaffeepause mit reichhaltigem Kuchenbuffet ging es weiter mit einem Vortrag von Tina Crimmann aus Leipzig. Die Mutter eines dreijährigen frühkindlichen Autisten, die inzwischen selbst als Autismus-Coach tätig ist, erzählte in berührender Weise vom Leben mit ihrem Sohn. Ihr Bericht, illustriert mit vielen Fotos, zeigte, wie hilfreich es für autistische Kinder ist, ihre Eigenarten nicht bekämpfen zu wollen, sondern anzunehmen und damit zu arbeiten. So gingen Tina Crimmann und ihre Familie gezielt auf die Stereotypien ihres Sohnes ein, um mit ihm zu kommunizieren, und erweiterten so schrittweise seine Ausdrucksfähigkeit. Wie in Anne Lehmanns Vortrag wurden die engen Grenzen behördlicher Unterstützung und die Notwendigkeit weiterer Aufklärungsarbeit deutlich, aber auch, was Akzeptanz und engagierte private Förderung zu leisten vermögen.

Für den letzten Vortrag des Tages tauschte Carsten Donath, wie schon erwähnt, die Rolle des Moderators gegen die des Referenten. Unter dem Titel “Menschen mit besonderen Bedürfnissen und deren mögliche (?) berufliche Integration im ersten Arbeitsmarkt” diskutierte er ein für viele Autisten (und auch für das Engagement von autWorker ;) ) zentrales, gesellschaftlich leider noch immer vernachlässigtes Thema. Mit einer Darstellung der Besonderheiten autistischer Wahrnehmung schlug er den Bogen zum Eröffungsvortrag von Katja Kötz. Anschließend ging er auf die Schwierigkeiten von Autisten am Arbeitsmarkt ein und zeigte die (immer noch dünn gesäten) Unterstützungsmöglichkeiten. Noch mehr betonte er jedoch ihre vielseitigen, oft überraschenden Stärken, die bei größerer Toleranz für nonkonformistische Menschen zu einem Gewinn für die gesamte Gesellschaft werden könnten. Nach diesem impliziten Aufruf zu weiterer gesellschaftlicher Aufklärung und politischem Engagement für eine verbesserte Teilhabe und Inklusion von Menschen im Autismus-Spektrum endete die Tagung mit einem musikalischen Ausklang mit fröhlichen Akkordeon-Melodien, die mehrere Teilnehmer zum Tanzen animierten.

Insgesamt war der 1. Leipziger Autismus-Tag eine rundum gelungene Veranstaltung. Gleichzeitig gesellschaftskritisch, pragmatisch, mutigend und im besten Sinne interdisziplinär zeigte er, wie produktiv solche “Aneignung” des Weltautismustages, ein Austausch zwischen Autisten, Eltern und Fachleuten sein kann. Für weitere Aktivitäten kann man LunA nur alles Gute wünschen und sich auf den für 2015 geplanten 2. Leipziger Autismus-Tag freuen.

 

Frohe Ostern und alles Gute zum Welt-Autismustag

autWorker wünscht allen Lesern ein Frohes - und soweit wie möglich schneefreies - Ostern und einen schönen Welt-Autismustag 2013 am 2. April. Unser eigenes Verhältnis zum Welt-Autismustag ist ambivalent, wie Ihr hier im Blog in dem Eintrag dazu vom letzten Jahr nachlesen könnt. Unser Umgang damit ist aber dennoch pragmatisch - was ein solcher Tag bedeutet, hängt letztlich davon ab, was man daraus macht, und es ist allemal eine Gelegenheit, auf autWorker sowie auf unsere Themen und Anliegen aufmerksam zu machen. Im vergangenen Jahr veranstalteten wir am 2. April in Hamburg einen schönen Filmabend mit einem sehr sehenswerten Biopic über Temple Grandin ("Temple Grandin - Du gehst nicht allein"). Dass es in diesem Jahr kein eigenes Programm von uns geben wird, liegt zum einen an der unmittelbaren zeitlichen Nähe zu Ostern, zum anderen werden wir auf dem 1. Leipziger Autismustag am kommenden Samstag, den 6. April, vertreten sein. :)
 

Eine Kunstausstellung mit Werken nonverbaler Autisten ...

... wird ab dem 27.02.2013 im Gasteig München gezeigt. Die Bilder entstanden mit der von der Kunsttherapeutin Birgit Lobisch entwickelten Methode des Gestützten Malens. Die Künstler selbst beschreiben die Ausstellung folgendermaßen: "Malen ist eine nonverbale Ausdrucksform, die mit Farben und Formen zum Ausdruck bringen kann, wo Worte fehlen. Mittels Gestützter Kommunikation (FC) sind zusätzlich Texte durch uns mutigen Menschen mit Autismus entstanden, die in ungewöhnlicher Sprache direkt ins Herz der Leser treffen. Wir malen bei der Kunsttherapeutin Brigitte Lobisch in Gauting bei München. Sie hat die Methode des Gestützten Malens entwickelt und damit arbeiten wir. Und sie ermöglicht uns immer wieder, unsere Bilder in herrlichen Ausstellungen zu zeigen."

Auch wenn die Gestützte Kommunikation - und in dem Zusammenhang auch das Gestützte Malen - durchaus kritisch zu sehen sind, wirkt die Ausstellung sehr interessant. Sie zeigt, was für ein künstlerisches und kreatives Potential auch in Menschen mit schweren Einschränkungen, die sich in konventioneller Weise oft nur schwer mitteilen können, stecken kann. Hier finden sich mehr Informationen sowohl zu der Ausstellung wie zur Methode des Gestützten Malens.

 

Ein hörenswerter Radiobeitrag zu auticon und autWorker ...

... inklusive eines Interviews mit autWorker-Mitarbeiterin Esther Schramm findet sich hier. Kurz, aber differenziert und informativ. Beispielsweise betont Esther die Stärken autistischer Menschen, aber genauso ihre Unterschiedlichkeit, und nutzt die Gelegenheit, mit einigen Mythen aufzuräumen (etwa, dass alle Autisten ein fotographisches Gedächtnis hätten). Nur die "Rainman"-Klischees am Anfang hätte der Sender sich sparen können. Aber das wird wohl für nötig gehalten, damit Hörer, die mit dem Thema noch nichts zu tun hatten, es überhaupt einordnen können. Dennoch: insgesamt sehr schön.
 

Fachkräftepotenzial behinderter Menschen ...

... so lautet der Titel einer Pressemitteilung des Bundesbeautragten für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, zu einem Gespräch zu diesem Thema, das er kürzlich mit der Bundeskanzlerin Dr Angela Merkel führte. Herr Hüppe, der im letzten Jahr auch auf der Bundestagung von Autismus Deutschland e.V. in Hamburg sprach, ist ein engagierter Redner, der sich authentisch und glaubhaft für die Interessen behinderter Menschen einsetzt und auch ein Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse autistischer Menschen hat, die sich in vieler Hinsicht von denen anderer Menschen mit Behinderung unterscheiden. Die von ihm in diesem Jahr initiierte Konferenzreihe "Unternehmen inklusive Arbeit", die er auch der Kanzlerin vorstellte, ist sicher gut und sinnvoll, und es ist erfreulich, wenn sie von "höchster Stelle" gefördert wird. Dennoch offenbart schon der Titel ein Problem, das meiner Ansicht nach ideologisch bedingt ist und viele der Schwierigkeiten behinderter Menschen, einen ihren Qualifikationen und Fähigkeiten angemessenen Arbeitsplatz zu finden, mit verursacht. Die "neoliberale" Überzeugung, dass der öffentliche Bereich möglichst "schlank" sein sollte und gute, nachhaltige Arbeitsplätze per definitionem nur Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft sind. Dass sich Förderung dementsprechend für alle, die mehr wollen und können als eine "geschützte" Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen, auf die freie Wirtschaft konzentrieren sollte.

Nun ist die Wirtschaft - anders als der öffentliche Sektor - ihrer Natur nach profitorientiert. Schon allein aus dieser Tatsache heraus werden sich dort immer Nachteile für behinderte Menschen ergeben, die offen mit ihrer Behinderung umgehen (sei es, weil diese ohnehin offensichtlich ist, oder, weil sie sich bei einer "unsichtbaren" Behinderung wie Asperger-Autismus bewusst dazu entschließen). Die Tatsache, dass diese Benachteiligung ihren Grund nur in den Vorurteilen der Chefs und Personaler hat, ändert daran leider nichts. Fördergelder sind ein Instrument, mit dem man hier meiner Ansicht nach nur begrenzt gegensteuern kann. Zudem werden sie in manchen Fällen bewusst ausgenutzt, d. h. Behinderte oder Langzeitarbeitslose nur genau so lange beschäftigt, bis die Förderung ausgelaufen ist. Entgegen der Ideologie werden sie dann eben doch (größtenteils oder häufig sogar vollständig) vom Staat bezahlt - und das auch noch ohne langfristige Perspektive. Speziell in Bezug auf Autisten kommt dazu, dass viele von ihnen Interessen, Talente und Fähigkeiten besitzen, die sich kurzfristig nur schwer oder gar nicht profitorientiert vermarkten lassen, langfristig jedoch sehr wohl der Gesellschaft nutzen und diese bereichern können.

Dies heißt meiner Ansicht nach keineswegs, dass eine Förderung der Beschäftigung Behinderter in der privaten Wirtschaft nicht sinnvoll sein kann. Im Gegenteil. Allerdings wäre allen Seiten meiner Überzeugung nach besser gedient, wenn die Thematik ohne "ideologische Scheuklappen" betrachtet und sich Förderungprojekte für Behinderte mit höheren Qualifikationen nicht rein auf den privaten Sektor (dessen Konkurrenzdruck in der momentanen "verschärften" Arbeitswelt auch immer mehr Menschen ohne Behinderung auf Dauer nicht gewachsen sind) konzentrieren würden.

 

Kreativecke

Hier findet sich ein sympathischer Blog zweier junger Autistinnen, in dem sie ausführlich unter anderem über ihre literarische und künstlerische Tätigkeit sowie über ihre Reisen schireben. Ein schönes Beispiel dafür, dass Aspies längst nicht immer den üblichen Klischees entsprechen.
 

Update: Tomaten auf den Augen ...

... ist jetzt schon erschienen. Viel Spaß beim Lesen.:)
 

Tomaten gehören nicht auf die Augen! - Neues Kinderbuch der autWorker Hajo Seng und Kristin Behrmann

“Verlag für Kinderbuch gesucht” – So hieß es vor einigen Monaten in einer Notiz auf der Homepage von autWorker. Der Aufruf stand nicht lange dort. Bereits nach kurzer Zeit meldeten sich die ersten Interessenten, und bald war der passende Verlag für das Bilderbuch der Künstlerin und Illustratorin Kristin Behrmann und des autWorker-Gründers Hajo Seng gefunden. Papierfresserchens MTM-Verlag, ein noch junger Kinder- und Jugendbuchverlag mit Sitz am Bodensee, überzeugte die beiden autWorker durch seine liebevoll gestalteten und präsentierten Kinderbücher (“Die Bücher mit dem Drachen”). Früher als ursprünglich geplant wird das Buch – Tomaten gehören nicht auf die Augen! Autisten nehmen es wörtlich – nun schon im November erscheinen. Auf der Homepage des Verlags wird es momentan als einziges Buch auf der Startseite präsentiert und springt dem Betrachter (natürlich ebenfalls im übertragenen Sinne;)) dort sofort ins Auge. Auf Youtube gibt es einen fröhlichen, liebevoll gemachten Trailer, der einen guten Eindruck der ansprechenden Illustrationen von Kristin Behrmann bietet.

Eingeleitet mit einem Vorwort von Maria Kaminski, der Vorsitzenden von Autismus Deutschland e. V., ist Tomaten gehören nicht auf die Augen! ein ausgesprochen mutiges, persönliches Buch. Auf einander gegenüberstehenden Seiten erzählen die beiden Autoren in kurzen, spontan und verspielt wirkenden Versen – die nebenbei die Lust vieler Autisten am Wortspiel demonstrieren – von ihrem Werdegang und ihrer autistischen Kindheit. Vom Gefühl, auf jeweils individuelle Weise schon immer “anders” gewesen zu sein, ohne den Grund dafür zu kennen. Der bewusst unterschiedliche Stil – eher ruhig und in Braun gehalten für Hajo, farbenfroh und bewegt für Kristin – spiegelt dabei auch die Innenwelten der beiden wider. In kurzen, jeweils einseitigen Steckbriefen, stellen die beiden sich vor, dann werden ihre Kindheitsgeschichten erzählt. Dabei hat man das gesamte Buch über den Eindruck großer Authentizität. Hier wird nicht “der Autismus” im allgemeinen vorgestellt, sondern zwei einzigartige, sehr unterschiedliche Menschen, die sich in ihrem Außenseiterdasein, ihrem Bestehen auf dem eigenen, unangepassten Weg, jedoch auch wieder sehr ähnlich sind. Gleichzeitig wird durch die Gegenüberstellung der beiden Geschichten implizit erläutert, weshalb Autismus bei Mädchen und Frauen, besonders, wenn sie eher introvertiert und zurückhaltend sind, oft weniger auffällt.

Die Kristin und der Hajo aus dem Buch haben ihren beiden Schöpfern und realen Vorbildern gegenüber jedoch einen entscheidenden Vorteil. Während die wirkliche Kristin Behrmann und der reale Hajo Seng erst mit Mitte 30 bzw. Anfang 40 erfuhren, dass sie Autisten sind, wissen ihre Bilderbuch-Versionen dies bereits als Kinder. Der Hajo im Buch berichtet folgendermaßen von seiner Diagnose:

Die Lehrerin war richtig sauer,

denn wieder einmal war ich schlauer.

Au Backe, das war ein Theater.

Mein Vater musste zum Schulleiter,

der meinte, „So geht das nicht weiter“,

„Der Junge muss jetzt zum Psychiater

Der kam zum Schluss, „Du bist Autist“,

ich dachte nur, „Was für ein Mist“.

 

Sein reales Vorbild, das als Erwachsener selbst zu dieser Erkenntnis kam, hat das vermutlich anders empfunden. Dies ist schließlich kein Geschichtsbuch und keine Autobiographie, sondern ein erzählendes Sachbuch zum Thema Autismus für Kinder von heute. Die Ausgangssituation jedoch, die im Buch schließlich zur Diagnose führt, kennen sicher viele erwachsene Autisten aus eigener Erfahrung, auch, wenn damals niemand auf den Grund für ihre “Andersartigkeit” kam. Dass Kindern ihre Neugier, ihr Wissensdrang und genuines Interesse an vielen Dingen so häufig negativ, gar feindlich, als Dreistigkeit und Besserwisserei ausgelegt werden, ist im Grunde ein Armutszeugnis für Schulen damals wie heute. Die Aufklärung über derartige Missverständnisse aus autistischer Perspektive ist eines der Hauptanliegen des Buches. Dabei wird ganz nebenbei deutlich, dass das mangelnde soziale Verständnis, das ja zu den offiziellen Diagnosekriterien für Autismus gehört, beidseitig besteht. Nicht selten interpretieren “NTs” autistisches Verhalten vorschnell und unzutreffend als Ablehnung. Dabei unterscheiden sich Autisten lediglich in ihren Bedürfnissen ein wenig von der Mehrheitsgesellschaft. Gemeinsam mit ihren kindlichen Avataren betonen die beiden Autoren, dass sich mit ein wenig Toleranz und Anerkennung des Anderen als gleichwertig die meisten Konflikte vermeiden ließen. Wie die Kristin im Buch meint:

Gebt mir den Raum für meine Dinge,

kein Lärm, keine Unruhe - wäre gut,

es wäre schön, wenn dies gelänge.

Ein Dank voran für euren Mut.

Beide Charaktere betonen ihr Bedürfnis nach Alleinsein – und erklären dabei, weshalb sie diesen Rückzug brauchen und er keineswegs mit Absonderung und sozialem Desinteresse verwechselt werden sollte. Passend dazu enden beide Darstellungen mit einer Einladung zu Kommunikation und Freundschaft. So schließt Hajo, nachdem er von seiner Vorliebe für einsame Winterspaziergänge im tiefen Schnee berichtet hat, mit diesen Worten:

Vielleicht, das fände ich sehr schön,

magst du mit mir spazieren geh‘n.

Schweigend im Winter durch den Wald, vielleicht schon bald;

warm eingepackt wird uns nicht kalt.

 

Und auch Kristin erklärt:

Öffne gerne dir die Tür,

hab‘ für mich ein Gespür.

Zeige dir gern meine Interessen,

will mich nicht mit dir messen.

Lässt du mir dann meine Zeit,

wär‘ ich für eine Freundschaft bereit.

Obwohl die oft schwierige Situation von autistischen Kindern in der Schule einfühlsam dargestellt wird, schließt das farbenfrohe, sympathische Büchlein also mit einer optimistischen Note. Freundschaft zwischen Autisten und Nichtautisten kann gelingen, solange nur beide Seite bereit sind, aufeinander zuzugehen. Diese Botschaft vermitteln die beiden Autoren durch ein gelungenes Zusammenspiel von Texten und Bildern auf einfache, aber dennoch alles andere als oberflächliche Art.

Dank der kurzen, leicht zugänglichen Texte eignet sich das Buch perfekt zum Vorlesen für Kinder ab dem Vorschulalter, aber auch – für Grundschulkinder – zur eigenen Lektüre. Für diese Altersgruppen, für die es in Deutschland bisher nur wenig zu der Thematik gibt, schließt es eine Marktlücke. Autistischen Kindern zeigen die beiden Autoren, dass sie weder “falsch” noch allein sind. Nichtautisten ermuntern sie ohne “erhobenen Zeigefinger”, ihre autistischen Geschwister, Mitschüler oder Freunde ein wenig besser zu verstehen. Hilfreich ist es daher auch zur Aufklärung etwa von Mitschülern oder Kindergartenkindern – so man sich als Familie dazu entscheidet, die Klasse eines Kindes einzuweihen, ein Schritt, der sicher immer mit großer Vorsicht und Sensibilität angegangen werden sollte.

Ebenso eignet es sich jedoch als Lektüre auch für Fachleute, die sich nicht speziell mit Autismus beschäftigen, beispielsweise Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen. Vielleicht erfüllt es hier sogar seinen wichtigsten Zweck. Kurz und verständlich geschrieben, gibt es eine schnelle, aber dennoch nicht oberflächliche Einführung für Leute aus der Praxis, die oft weder Lust noch Zeit hätten, ein Fachbuch über ein Thema, das nicht der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist, zu lesen. Dies ist umso wichtiger angesichts der Tatsache, dass viele Kurzeinführungen, Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge etc. leider noch immer unzutreffende Klischees verbreiten. Insofern ist dem Buch auf allen Ebenen von Herzen (bitte nicht wörtlich nehmen!;) ein vielfältiger Erfolg zu wünschen.

 
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