Am 14.5.2016 hat die Generalversammlung der autWorker eG die Auflösung der Genossenschaft beschlossen. Dies ist die Konsequenz daraus, dass es uns nicht gelungen ist, ein - vor allen Dingen finanziell - stabiles Fundament für das Projekt zu finden. Das ist für uns der Anlass, innezuhalten, die Erfahrungen zu analysieren und sinnvolle Wege für unser weiteres Engagement zu finden.

Sieben Jahre autWorker: eine Bilanz

Anfang 2009 wurde aus der Autismus-Selbsthilfe heraus das Projekt autWorker gegründet. Sieben Jahre später, Anfang 2016, fühlt sich das Projekt zu einem deutlichen Strategiewechsel gezwungen. Zeit, einen Blick auf die Hintergründe dieser Entwicklung zu werfen.

Warum haben wir das Projekt gegründet?

Der konkrete Anlass für die Gründung des Projekts war ein Gespräch, das ein paar Aktivisten aus der Autismus-Selbsthilfe mit Torkil Sonne, dem Gründer der dänischen Firma specialisterne führte. Das Fazit aus dem Gespräch war, dass sich an der Situation autistischer Menschen in Deutschland nur dann etwas ändern wird, wenn Autisten solche Änderungen anstoßen. Bei diesen anvisierten Änderungen ging es darum, dass Autismus selbst innerhalb der Institutionen, die mit Autisten zu tun hatten, von uns Autisten als sehr vorurteilsbeladen wahrgenommen wurden. Insbesondere verschwanden die Fähigkeiten und Potenziale autistischer Menschen fast vollständig hinter den im Allgemeinen gepflegten defizitären Vorstellungen. Auch Einrichtungen, die mit autistischen Menschen zu tun haben und auch die Autismusforschung kultivierte solche Vorurteile. Wir erkannten, dass die Integration autistischer Menschen genau an diesen Vorstellungen scheiterten, insbesondere auch im Arbeitsmarkt. Viele autistische Menschen haben sich selbst diese defizitären Vorstellungen zu eigen gemacht und waren oft weit davon entfernt, ihre Potenziale zu kennen und zu entfalten.

Was haben wir erreicht?

autWorker hat von Anfang an auf Öffentlichkeitsarbeit gesetzt, im Schwerpunkt innerhalb der Institutionen, die mit autistischen Menschen zu tun haben. Neben Präsenzen auf zahllosen Tagungen beinhaltet dies etwa 70 Vorträge, drei eigene Veranstaltungen und geschätzt 30 bis 40 Fortbildungen für Mitarbeitende in diversen Einrichtungen, auch Berufsbildungswerken, Arbeitsagenturen und Integrationsfachdiensten. Ein Kern der Tätigkeiten bestand in den Workshops "Autistische Fähigkeiten", die es seit dem Spätsommer 2009 gibt. Wir haben in etwa 120 Workshops mehr als 750 autistische Teilnehmende gehabt; teilweise bei uns selbst, teilweise in Berufsbildungswerken. Dazu kommen eine Reihe von Begleitungen autistischer Menschen bei ihrem Weg in die Arbeit und nicht zuletzt unser Projekt autWay, in dem wir diesen Weg weitgehend koordiniert haben und die Kontakte zu allen Beteiligten hielten. Dies beinhaltete auch Beratungen von Unternehmen und Organisationen, die in Unternehmen tätig sind. Nicht zuletzt sind die ungezählten Beratungsgespräche zu nennen, die meisten für autistische Menschen selbst, aber auch für Angehörige oder Einrichtungen, die konkrete Anliegen hatten. Mehrere Camps für autistische Menschen, meist Jugendliche und junge Erwachsene, Wohnen mit Ansprechperson, eine Ausstellung und einiges mehr. Zu erwähnen sind dabei auch die drei Stellen für autistische Menschen, die wir im Projekt selbst auf den Weg bringen konnten, nebst den Aufträgen, die wir an Autisten vergeben konnten.

Was haben wir dafür erhalten?

Das meiste Geld haben wir als Auftragseinnahmen für Fortbildungen, Workshops und Vorträge erhalten. Wir haben obendrein sehr günstige Büroräume im Ottensener Werkhof und erhielten für einen Teil der bei uns eingerichteten Stellen einen Eingliederungszuschuss. Seit einigen Jahren unterstützt uns die Stiftung Irene mit monatlich 200 Euro. Für ein Teilprojekt am Berufsbildungswerk Potsdam (Oberlinhaus), das von Mitte 2011 bis Anfang 2013 lief, erhielten wir 12000 Euro, von denen wir 5000 in die Softwareentwicklung investieren mussten. Für das Jahr 2014 erhielten wir von der Homann-Stiftung 15000 Euro zur Umsetzung des autWay-Projekts. Darin war der Fachtag, den wir im April 2015 durchführten, enthalten. In den Jahren 2011 bis 2013 erwirtschafteten wir in jedem Jahr ein Defizit, insgesamt etwa 20000 Euro; dieses Geld stammt im Wesentlichen aus unseren eigenen Reihen. 2014 war neutral, während wir 2015 einen Ertrag von fast 7000 Euro erwirtschafteten.

Was haben wir gelernt?

Das Wichtigste, das wir gelernt haben, ist, dass es nicht nur eine Vermutung war, dass Autismus sich anders darstellt, als es selbst fachkundige Menschen vermitteln. Wir haben in den Fähigkeitenworkshops gelernt, dass die richtige Umgebung fast von selbst bei den Teilnehmenden einen Autismus zum Vorschein bringt, der nicht defizitär ist, sondern meist ungewöhnliche und unerwartete Potenziale zeigt. Die Workshops sind ein Forschungsfeld, in denen Aspekte zum Vorschein kommen, für die die Autismusforschung und -therapie weitgehend blind zu sein scheinen. In den Workshops konnten wir auch erfahren, dass sich viele autistische Menschen, insbesondere die jüngeren, viel eher als diskriminiert als als behindert wahrnehmen; dass sie in der Regel die Erfahrung machen, dass die vorhandenen Unterstützungssysteme, Arbeitsagenturen, Integrationseinrichtungen, Weiter- und Ausbildungsstätten, für sie überhaupt nicht passen und eher Barrieren als Zugänge sind.

Wo stehen wir jetzt?

Autistische Menschen leben in einer Zeit zunehmender Exklusion; von Inklusion kann hier keine Rede sein. Anstatt Barrieren zu identifizieren und zu verringern, die autistischen Menschen Zugänge versperren, wird in aller Regel versucht, autistische Menschen an diese Gegebenheiten anzupassen. Als Projekt haben wir in den letzten sieben Jahren dieselbe Erfahrung gemacht: Auch wir stießen immer wieder an strukturelle Barrieren, die uns daran hinderten, unsere Ansätze und Arbeiten auszubauen. Wir bissen uns – um eine Metapher zu verwenden – an der bestehenden Inklusionslandschaft die Zähne aus. Obwohl die Behindertenrechtskonvention vorschreibt, auch "Betroffene" an ihren jeweiligen Inklusionsprozessen zu beteiligen, fanden wir keine Möglichkeit, unsere Arbeit ökonomisch zu stabilisieren. Als Fazit müssen wir sagen, dass unsere Arbeit an der mangelnden Inklusionsfähigkeit der nicht-autistischen Mehrheitsgesellschaft gescheitert ist.

Welche Konsequenzen ziehen wir daraus?

Wegen der fehlenden finanziellen Absicherung sind wir gezwungen, unsere Infrastruktur zurückzufahren und zu einem vollständig ehrenamtlich betriebenen Projekt zu werden. Das bedeutet insbesondere, dass wir uns weder die Form als Genossenschaft noch die Stellen leisten werden. Wir werden dann auch nicht mehr mit der Verbindlichkeit arbeiten können wie bisher und den Umfang unserer Auftragstätigkeiten deutlich einschränken. Inhaltlich müssen wir feststellen, dass das Thema Inklusion autistischer Menschen noch nicht weit genug entwickelt ist, als dass konkrete Inklusionsmaßnahmen wirklich Sinn machen würden. Sie bedeuten im Gegenteil meistens viel Stress auf allen Seiten und erfordern auch dauerhaft ein hohes Maß an ehrenamtlichen Einsatz. Diesem Befund ist es weit angemessener, das Thema Inklusion autistischer Menschen politisch zu bearbeiten und auf die hier vorhandenen Defizite aufmerksam zu machen. Dazu gehört auch, an der Korrektur der vorhandenen Autismusvorstellungen weiterzuarbeiten.